Die KrimWeg nach OstenNachdem ich Simferopol durcheilt habe, befinde ich mich wieder auf dem Land. Der Wind ist aufgefrischt und kommt jetzt von hinten, so dass ich mit seiner Unterstützung frohen Mutes die 40 Kilometer bis Belogorsk in Angriff nehme. Anfangs sind einige Talmulden zu durchqueren, dann steigt die Fernstraße auf eine Hochfläche. Der Himmel strahlt rein und tiefblau. Zur Rechten, in einer Entfernung von vielleicht 15 Kilometern, streckt sich die südliche Bergkette, ins azurklare Abendlicht getaucht. Hinab nach Belogorsk sause ich in einer langen Schussfahrt. Auch diese Stadt duckt sich in ihren grünen Bewuchs, so dass ihre Größe nicht abzuschätzen ist. An der Fernstraße, die den Ort umfährt, halte ich an einer Raststätte, kaufe Wasser, trinke ein Bier und komme ins Gespräch mit einigen jungen Männern, deren glatte Gesichter im warmen Licht der gerade untergehenden Sonne rot-orange glänzen. Die Jüngeren sind gegenüber dem Touristen sehr aufgeschlossen. Die Alten dagegen verhalten sich häufig so, als nähmen sie mich gar nicht wahr. Ich denke, da wirkt die in sowjetischer Zeit kultivierte Abwehr alles Fremden nach, das ja eine potentielle Gefahr darstellen konnte. So wurden, neben Natur und kultureller Tradition, auch die Menschen deformiert. Im nächsten Tal biege ich nach Süden ab und schlage mich hinter dem ersten Dorf „in die Büsche“. Neben einem schlichten Kriegsdenkmal, eingefasst von einem blauen Gitterzaun, das von einem rotem Stern und einer Handvoll Koniferen bekrönt wird, stelle ich das Zelt auf. Es steht am Rande einer aufgelassenen Weinkolchose, die langsam überwuchert. Nach dem aufreibenden Remmidemmi der letzten Nächte schlafe ich lange, wie in Abrahams Schoß. Im nahen Dorfladen bekomme ich am Morgen sogar frischen Kaffee. Die Weiterfahrt zur Südküste führt durch ein sehr ländliches Tal, das von Landwirtschaft geprägt wird, hinauf in die Alikot-Berge. Hinter dem letzten Dorf mit Namen Krasnoselovka beginnt dichter Wald. Gegen Ende hört der Asphalt auf, doch komme ich gut hoch zum Pass von 570 Metern. Die Abfahrt verläuft fast strapaziöser als der Anstieg. Der Weg steinig, an vielen Stellen tief ausgewaschen und ausgefahren und manchmal ganz schön steil. Kein Wunder, dass mir auf dem langen Abschnitt zwischen den beiden Passdörfern (das zum Meer hin heißt Privetnoe) keine zwei Dutzend Autos begegnen, außerdem 2 Pferde, 3 Kühe und ein Motorroller mit 2 Jugendlichen, die mich über den Pass begleiten. Mal überholen sie mich, dann ich sie, weil sie gerade eine Pause einlegen. Die Landschaft hat sich auf der Südseite des Gebirges völlig verändert. Felsige Berge und abgeholzte, stark erodierte Hänge, auf denen sich wieder moosiges Grün angesiedelt hat (wohl auch aufgeforstet wurde), das sich kräftig vom rotbraunen Untergrund hervorhebt. Der Asphalt setzt erst wieder im Talgrund ein, wo die Straße, wenn auch in mangelhaftem Zustand, zwischen weiten Rebflächen einem Bach folgt. Drei Mal muss ich ihn durchfahren. In Privetnoe, dem ersten und einzigen Dorf vor der Küste, kündigt sich mit einigen Lädchen und braungebrannten Urlaubern in Badekleidung schon das Strandleben an, das sich beiderseits der Bachmündung in einfacher Zeltplatzform über mehrere hundert Meter ausdehnt. Am Kiesstrand, etwas entfernt von den beiden wummernden Bars, nehme ich einen Imbiss aus der Packtasche und ruhe ein wenig aus. Diese Pause war empfehlenswert, denn sofort führt die Küstenstraße gewaltig steil in die Berge. Zum Glück fließt der Verkehr jetzt spärlicher als in der Jalta-Region. Kaum habe ich das Rad auf die Höhe von vielleicht 250 Metern gewuchtet, geht es in einer eleganten Kurvenfahrt wieder hinab. Am langgestreckten Strand von Morskoje reiht sich bis zum Hügel mit dem Genueser Wachturm Zelt an Zelt. Im Zentrum esse ich kräftig zu Abend und komme an einen Tisch mit drei Kölnern zu sitzen. Als Russlanddeutsche sprechen sie Russisch sicherer als Deutsch. Das spielt sicher auch eine Rolle, wenn sie ihren Urlaub „im Osten“ verbringen. Einen von ihnen werde ich am Flughafen wieder treffen, denn er hat den gleichen Flug gebucht wie ich. Das wird mein Gepäckproblem lösen, denn regulär müsste ich (inklusive Fahrrad) pro Kilogramm Mehrgewicht 9 Euro bezahlen. Spät fahre ich los, zunächst ein mildes Tal hinauf, dann über einige Hügel. Auch hier breiten sich weitflächig Weinberge mit akkuraten, wie mit dem Lineal gezogene Pflanzzeilen aus. Vorwiegend wird aus der Ernte dieser Gegend prickelnder Krimsekt gegoren. Die Weinlandschaft begleitet mich bis Sudak, das sich in einer weiten Mündungsebene mehrer Kilometer ins Hinterland dehnt. © copyright 2008 Joachim Gremm |