Die KrimMangup KaleNach einigen Kilometern Fahrt liegt das Tal breit und flach und wird von markanten Tafelbergen eingefasst. Die karge Landschaft wirkt fast mythologisch, wie eine Kulisse für einen Film über Urmenschen. In der Tat liegen in der Nähe bedeutende Ausgrabungsstätten mit Funden der letzten Neandertaler. Unser nächster Verwandter war um 30 000 v. Chr. nach Spanien und auf die Krim zurück gedrängt worden, bevor er endgültig ausstarb. Wir, der moderne Mensch, waren zu dieser Zeit bis hierher noch nicht vorgedrungen. Hinter einem kleinen Stausee finde ich zu dem winzigen Dorf Chodž-Sala, in dem sich zwischen steilen Hängen einige Neubauten locker auf ebener Fläche verteilen. 1944 ließ Stalin auch in diesem Dorf die komplette krimtatarische Bevölkerung deportieren. Nach 1990 sind einige krimtatarische Familien zurück gekehrt und haben hier eine neue Existenz gegründet, die sich auf einen bescheidenen Tourismus stützt. Denn von hier aus brechen die Wanderer auf nach Mangup-Kale, eine der geheimnisvollen Höhlenstädte. Die Höhlenstädte der Krim wären korrekt besser als Höhenstädte zu bezeichnen. Zu ihnen geht es steil bergauf. Das Plateau, auf dem sich vor gut 1500 Jahren – zur Zeit der Völkerwanderung – Menschen ansiedelten, liegt etwa 250 Meter über den umgebenden Tälern. Entlang der Felskante sind zahlreiche Hausgrundrisse in den weichen Kalkstein eingetieft und mehrer Keller ausgehauen. Die Wohngebäude darüber waren aus Holz errichtet. Da man die Keller früher für Höhlenwohnungen hielt, kam der Name Höhlenstädte auf. An manchen Stelen finden sich auch komplexere Höhlenräume, die gelegentlich als Gotenhöhlen bezeichnet werden. Im Revolutionsjahr 1917 hatte Alfred Rosenberg, der spätere Chefideologe der Nazis, die Krim bereist und auch Mangup Kale besucht. Seitdem spukte das „Gotenreich“ auf der Krim, das man beerben wollte, durch die völkisch-nationalistischen Eroberungsphantasien. In den letzten Jahren wurden Mangup Kale und das benachtbarte Eski Kermen von ukrainischen und deutschen Archäologen weitflächig untersucht. Angesichts des nahe gelegenen Chersonnes interessiert die Archäologen vor allem die Frage: „Inwieweit führte das Leben am Rande der byzantinischen Welt zu einer Byzantisierung auf der einen und zu einer Barbarisierung auf der anderen Seite?“. Gotische „Volkssplitter“, die in der Völkerwanderungszeit auf der Krim zurück geblieben sind, spielen dabei eine geringere Rolle als etwa Chasaren und Mongolen. Heutzutage hausen in den Höhlen sommers die modernen Troglodyten, meist junge Leute, die sich mit einem Hauch von Abenteuer umgeben. Auf diesen Kalkplateaus ist Trinkwasser das zentrale Versorgungsproblem. An einer den beiden Quellen, die unterhalb der Abbruchkante im Wald sprudeln, treffe ich mehrere tätowierte Freaks, die in einem Holztrog ihre Wäsche waschen. An der zweiten Quelle putzen sich Jugendliche die Zähne und füllen ihre 5-Liter-Plastikflaschen nach. Am Abend, es dunkelt schon, schlendere ich ein wenig durchs Dörfchen, um noch eine Kleinigkeit zu essen. Ich kehre im letzten Lokal am Aufstieg zur Höhlenstadt ein. Ein Lagman wird mir aufgewärmt, auch ein Pivo ist zu haben, und bald sitze ich auf dem Diwan einer tatarischen Laube. Unter der Decke ist, wie meist, ein Tarnnetz der Armee ausgespannt. Alles Natur, nirgends Plastik, erklärt mir der Chef, Mehmet Baioroff. Damit beginnt ein interessanter Abend. In einem Notizheft zeigt mit Mehmet eine Adresse in Deutschland: ein Herr Schlapp in Stadtallendorf. Als ich ihm erkläre, mein Wohnort liege etwa 200 km davon entfernt, bedeutet er mir, ich solle mich in Deutschland gleich ins Auto setzen und hinfahren. Die beiden kennen sich aus Usbekistan, wo sie zu den deportierten Volksgruppen gehörten. Mehmet zog 1987 auf die Krim. Für ihn eine Rückkehr, denn es waren die Eltern, die von hier vertrieben wurden. Vorher hatte er in Moskau – die Perestroika hatte eingesetzt – für das Rückkehrrecht der Krimtataren demonstriert und war festgenommen worden. Seine beiden Söhne wurden schon auf der Krim geboren. Der Kleine noch tapsig und kaum zu bremsen in seinem Überschwang. Der Ältere vielleicht 11 Jahre alt und sehr vernünftig. Ich werde mit Wein, Kaffee und Tee (die Kräuter hat der ältere gesammelt) bewirtet. Zum Tee wird eine Schale Bonbons gereicht. Das Zuckerstück nimmt man in den Mund, so wird beim Trinken der Tee gesüßt. Dann werde ich – obwohl es stockfinster geworden ist – zu einer Besichtigung des Anwesens eingeladen, das sich ein ganzes Stück den Hang hoch erstreckt. Zuerst das Erdgeschoss des Rohbaus: Sauna, Vino, Pivo als Beschreibung der Räume, mit der Taschenlampe beleuchtet. Dann über einen wackligen Steg hinauf ins Obergeschoss: da Kamin, da Balkon, da Balkon, da Balkon. Zum Himmel hin steht noch alles offen. Es ist ein unglaublicher Stolz auf das aus eigener Kraft Geschaffene, das sich in Mehmets Euphorie ausdrückt. Zurück zum sicheren Boden, denn jetzt kommt der Garten an die Reihe: Tomaten, Gurken, Paprika – jede einzelne Pflanze wird mit der Taschenlampe angeleuchtet wie mit einem Spot, der auf der Bühne den Hauptdarsteller einfängt. Oberhalb dann der Obsthain, lauter auf dünne Stämme aufgepfropfte Edelreiser, alles gutes Obst. Dann jeder Rosenstock und weitere schmale Blumenrabatte. Weiter den Hang hoch. Hier sollen Datschas oder ein Camping oder beides entstehen. Mehmet ist von solcher Begeisterung über das eigene Lebenswerk getragen, dass er nur schwer ein Ende findet. Zum Abschluss sitzen wir wieder beim Tee und ich verspreche, mit Herrn Schlapp in Stadtallendorf Kontakt aufzunehmen. Der Anruf nach meiner Rückkehr verläuft allerdings recht ernüchternd. Herr Schlapp wirkt misstrauisch und lässt sich offenbar nur unter Vorbehalt auf die alten Zeiten ein. An einen Mehmet, dem er immerhin seine deutsche Adresse übermittelte, kann er sich nicht erinnern. © copyright 2008 Joachim Gremm |