Die Krim



Jewpatorija



Am Morgen ziehen lichte Wolkenstreifen auf. Das Meer bewegt sich sacht aufgeraut und hüllt sich in grünlichen Glanz. Im Sand wimmelt es von Marienkäfern einer orangeroten Sorte. Nach Jewpatorija streckt sich –  zwischen Meer und einem großen Salzsee – eine 10 Kilometer lange Landzunge. Die Fernstraße mit viel Verkehr hält meist Abstand vom Strand. Stellenweise wird dort gezeltet. Von den Haltepunkten der nahen Bahnlinie und den Bushaltestellen ziehen Badewillige in kleinen Gruppen zum Meer. Ein ausgedehntes Spaßbad mit irre hohen Rutschen (und ähnlich hohen Eintrittspreisen) und eine blaue Diskohalle unterbrechen die Küstenlinie.

Das letzte Stück nach Jewpatorija führt ein Sträßchen am jetzt schmalen Strand entlang, das für den Durchgangsverkehr gesperrt ist. Die Buden- und Ferienhausdichte nimmt kontinuierlich zu, bis ich die Promenade vor der Stadt erreiche. Selbst im Zentrum sind die Gebäude entlang der Hauptstraße ein-, höchstens zweigeschossig, in den Seitenstraßen noch flacher. So wirkt die Stadt ein wenig niedergedrückt. Post, Banken, Läden, Lokale, Straßenbahn – alles vorhanden. Die Moschee mit zwei Minaretten steht zentral in klassischer Schlichtheit. Angeblich wurde sie vom großen Sinan erbaut. Ein junger Mann weist mich unwirsch hinaus, als ich sie barfuß und schüchtern betrete. Daneben die orthodoxe Kathedrale, auch hier wieder mit himmelblauen Kuppeln.

Dank des Reiseführers finde ich durch staubige Gassen, gesäumt von niedrigen Häuschen, an denen der Putz bröckelt, den Weg zu den Karaimern. Sie haben eine eigene Straße, die Karaimskaja. Sie bildet eine blitzsaubere, blendende Insel im sonst niedergedrückten und vernachlässigten Viertel. Die Straße neu und glatt gepflastert, die Häuser frisch verputzt und gestrichen, vielleicht auch neu gebaut, die Höfe hinter beeindruckenden schmiedeeisernen Toren.

Das karaimische Zentrum betritt der Besucher durch ein neubarockes Triumphportal. Nachdem er den Eintritt bezahlt hat, schlendert er unter Reben eine kleine Allee entlang zu zwei Höfen und einigen Gebäuden. Alles ist blitzblank und blitzsauber. Ein wohlhabender Karaimer aus Paris soll die komplette Restaurierung finanziert haben. In den Gebäuden befinden sich (leider verschlossene) Gebetsräume, in den Höfen stehen Säulen und Tafeln mit Inschriften. Das Alphabet: Hebräisch. Auch sieht man den Davidstern. Wer sich nicht durch die Lektüre des Reiseführers darauf vorbereitet hat, wundert sich über alle Maßen. In der Nähe liegt außerdem ein größeres Gebetshaus, über dessen Portal ein Rundfenster den jüdischen Stern zeigt.

Die turkstämmigen Karaimer finden sich bei Wikipedia unter dem Schlagwort „Karäer“. Sie können als Beispiel dienen, dass im Fortschritt der Zeiten die Kultur kleiner Völker und ihre Sprache – nicht nur in Amazonien und auf Borneo – leicht in die Gefahr geraten, auszusterben wie eine unangepasste Pflanze. Karaimisch ist eine Turksprache und wird kaum noch gesprochen. Die Religion stützt sich auf  jüdische Tradition, hat aber auch islamische Einflüsse aufgenommen. Da sie nur die schriftliche Thora – die fünf Bücher Mose – als Glaubensbasis akzeptieren und die rabbinische Talmud-Tradition ablehnen, werden die in Israel lebenden Karäer dort als nichtreligiöse Juden eingestuft. Wer sich in den historischen Verästelungen der Religionsgemeinschaften wie der Völker verliert, verliert schnell den Überblick.

Die vielleicht größte Attraktion für die Touristen ist das kleine Restaurant, das dem karaimischen Zentrum angegliedert ist. Die Gäste sitzen in der Stille eines Innenhofs schattig unter Weinranken. Das Lokal ist sehr besucht. Bald gesellt sich an meinen Tisch eine Familie mit einem Mädchen dazu. Alles wirkt gediegen und freundlich. Entsprechend lecker munden mir die Kichererbsensuppe und der Reis mit Möhren und Fleisch.




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© copyright 2008  Joachim Gremm