Die Krim



Jalta



Jalta war schon im 19. Jahrhundert ein mondäner Kurort. Die breite Seepromenade zieht sich – ausgehend vom eleganten Rundbau von McDonald's – vor edel renovierten Fassaden geschäftig am Hafen entlang. Der Strand davor ist schmal und voller Kiesel. Von hier aus lassen sich alle Sehenswürdigkeiten per Bus, Boot oder Matschurka (dem Kleinbus–Sammeltaxi) bequem erreichen.

Zunächst also zum Livadija–Palast, der ehemaligen Sommerresidenz des Zaren. Dass sich in ihm der „verschwenderische Lebensstil der Zarenfamilie“ widerspiegele und sich die „elegante Dekadenz der ausgehenden Zarenherrschaft nachempfinden“ ließe – wie es mein Reiseführer behauptet – kann ich nicht bestätigen. Natürlich diente das Schloss auch zur kaiserlichen Repräsentation. Im Vergleich zur zeitgleichen Imponierarchitektur im wilhelminischen Deutschland wirkt es jedoch wohlgestaltet und stilsicher.

Einen Hauch von Intimsphäre vermitteln die wenigen wiederhergestellten Privaträume der Zarenfamilie im ersten Stock. Die relativ kleinen Räume sind erstaunlich schlicht, fast bürgerlich gehalten und atmen den gradlinig–verspielten Modernismus einer vom Darmstädter Jugendstil geprägten Wohnform. Alexandra, Zarengattin und vormals großherzoglich–hessische Prinzessin, hat mit ihrem Kunstsinn den Stil sichtbar geprägt.

Einige Jahre nach der Oktoberevolution wandelte die Sowjetmacht den vielräumigen Bau in das damals größte Sanatorium für die „Werktätigen des Arbeiter– und Bauernstaates“ um. Ein zweites Mal noch rückte der Livadija–Palast in den Blick der Historie. Im Februar 1945 fand hier die Konferenz von Jalta statt, auf der die Teilung Deutschlands und – auf lange Sicht nachhaltiger – die Gründung der Vereinten Nationen beschlossen wurde.

Konferenzort war der Weiße Saal, der Gala– und Ballsaal aus der Zarenzeit. Heute hat man den berühmten runden Tisch, an dem in drei Sesseln Roosevelt, Stalin und Churchill Platz nahmen, pietätslos in den Vorraum gerückt. Der Große Saal kann nun für Events gemietet werden und ist entsprechend ausstaffiert worden. In den benachbarten Räumen war die amerikanische Delegation untergebracht.

Der Palast liegt in einem weitläufigen Park. Wie vegetationsfördernd das hiesige Klima bei gärtnerischer Obhut sein kann, lässt sich am eindringlichsten im Nikita-Park bewundern, einem der bedeutendsten botanischen Gärten weltweit. Vor fast 200 Jahren wurden die ersten Stecklinge gesetzt. Heute ist sowohl die Größe (230 Hektar) als auch die botanische Vielfalt (mehr als 20 000 Arten) unüberschaubar. Das Boot legt, von Jalta kommend, nach einer Viertelstunde tuckernder Fahrt an der Anlegestelle an und die Besucher müssen zunächst steile Treppensteige erklimmen. Erst im oberen, sehenswertesten Teil breiten sich Bäume und Hecken, Blumen und Sträucher auf weiten Terrassen aus.

Erstaunlich ist der Publikumsandrang. Nicht nur Einzelbesucher, auch zahlreiche Gruppen tippeln in dichten Reihen hinter ihrer Touristenführerin her. Urlaub in geschlossener Formation scheint als Traditonsmoment aus kommunistischer Zeit Bestand zu haben – und ist auf diese Art auch bequemer und preiswerter.

Auf dem Rückweg fahre ich mit dem Bus bis zum Hotel Jalta. Das Hotel mit seinen über 2200 Zimmern wurde in der Breschnew–Zeit dermaßen modern gigantomanisch hochgezogen, dass es den Besucher schon wieder beeindruckt. Die Fassade erinnert an einen weiß gestrichenen, senkrechten Lattenrost. Innen geht der Besucher durch eine Bahnhofshalle, die als Rezeption dient, zum uferlos wirkenden Speisesaal. Alle Tische sind eingedeckt. Beim Essen hätte ich hier allerdings das Gefühl, die niedrige dunkle Decke würde mir auf den Kopf fallen.

Das Wunder von Jalta ist Anton Tschechows Weiße Datscha. Es besteht darin, dass es der Schwester gelang, selbst über die Wirren der Revolutions– und Bürgerkriegsjahre den originalen Zustand zu bewahren. Bis in die Kleinigkeiten ist alles so geblieben, wie der Dichter es bei seinem Tod zurück gelassen hat. In der kleinen Villa verbrachte er die letzten 5 Jahre seines Lebens. Auf die Krim war er in der Hoffnung übergesiedelt, das Klima werde seine Tuberkulose günstig beeinflussen. Doch schon im Sommer 1904 verstarb er 44jährig während einer Kur in Badenweiler.

Der Schreibtisch liegt unberührt unter einem Glaskasten. In einer Vitrine stecken die Porträtkarten seiner Gäste: Gorki, Stanislawski, die Moskauer Theatertruppe (der auch seine Frau Olga Knipper angehörte). Im Gesellschaftszimmer muss es gelegentlich hoch hergegangen sein. Rachmaninow saß am Klavier, es sang Schaljapin. Die Sommergäste aus Moskau wollten sich auf der Krim amüsieren.

Tschechows Leidenschaft gehörte seinem Garten, der das Haus heute wie ein verwunschener Paradiesgarten umfängt. Wie alte Fotos zeigen, war beim Einzug der Platz um das Gebäude kahl. Die Bäume, die er eigenhändig pflanzte, sind in 100 Jahren ausgewachsen und bilden mit Büschen, Stauden und Blumen eine stille Idylle, durch die ein Bächlein plätschert. Die bauchigen Tongefäße, in der das Wasser aufgefangen wurde, stehen immer noch an der Hausecke.




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© copyright 2008  Joachim Gremm