Die Krim



Die Jaila und der Cañon



Von Jalta führt ein altes Sträßchen mit humaner Steigung zu einem Pass, 1000 Meter hoch im Jaila-Gebirge gelegen. Die Ingenieure, die es Ende des 19. Jahrhunderts planten, mussten nicht mit Autos, sondern mit Pferdewagen und Fußgängern rechnen. So legten sie 3,5 %  Steigungsrate zu Grunde. Das erlaubt dem Radler trotz Gepäck ein gemütliches Pedalieren. Das Vergnügen wird dadurch erhöht, dass auch in der Gegenwart hier nur wenige Autos unterwegs sind.

Oben, hinter der Felskante, dehnt sich die weite Hochfläche der Jaila. Dass deren Gefilde früher „den tatarischen Hirten die schönsten Alpenweiden und vor der Hitze des Sommers einen erwünschten Zufluchtsort darboten“, berichtet uns ein Geograf aus dem 19.Jahrhundert. Hier oben, inmitten des duftenden Graslandes, ist gut zu verstehen, welche Freude die Sommerweide für die Hirten, ihre Familien und ihre Tiere bedeutet haben muss.

Die Landschaft eine sanft gewellte Hochebene. Die Gräser saftig, durchwoben von unzähligen Blumen in allen Blütenfarben, die sich vielerorts zu gemusterten Teppichen vereinen. Darüber tollten die Lämmer. Die Lüfte wehen frisch und mild. Holz zu genüge. Nur mit der Wasserversorgung dürfte es hier im Karstgebiet nicht einfach gewesen sein.

Am nördlichen Rand der Hochfläche taucht das Sträßchen in ein enges Tal mit Wiesenhängen und verliert sich dann  in dichtem Wald. Über 25 Kilometer schwingt die Abfahrt von Kurve zu Kurve ins Tal. Vier Kilometer vor Sokolinoe zeigten am Straßenrand geparkte Autos und Kleinbusse sowie mehrere Verkaufsstände an, dass hier eine Sehenswürdigkeit wartet: der Große Cañyon der Krim.

Eine halbstündige Wanderung führt über einen steinigen Pfad zunächst abwärts und dann durch die wildromantische Talsohle. Zu beiden Seiten erhebt sich dichter Wald. Nur selten kann der Wanderer einen Durchblick auf die Felswände erhaschen. Später sind im Bachbett „Badewannen“ ausgewaschen. Am Ende erreicht der Wanderer ein kleines natürliches Schwimmbecken, in dem fleißig gebadet wird. Erstaunlich, dass es alle Besucherinnen bis hierher geschafft haben. Denn deren Schuhwerk widerspricht überwiegend dem, was man sich unter „Schusters Rappen“ vorstellt – von einfachen Badelatschen bis zu hochhackigen Stöckelschuhen.

Als ich zurück zum Rad komme, steht das Vorderfach der Lenkertasche offen. Es fehlt die Armbanduhr. Die hatte ich am dritten Reisetag abgelegt, weil das Tragen einer Armbanduhr auf der Krim weitaus unüblicher ist als das Herumhantieren am Handy. Dauernd wurde ich nach der Uhrzeit gefragt, was aufgrund meiner spärlichen Sprachkenntnisse leicht zu Missverständnissen führte.

So riefen mir im Kurpark von Alupka zwei feine ältere Damen über die Rasenfläche einige Worte zu, die ich nicht verstand. Bedauernd hob ich Arme und Schultern, um mein Nichtverstehen auszudrücken. Da streckten sie empört die Zeigefinger in Richtung meiner Uhr und schnatterten mir Unverständliches herüber, was kaum freundlich gemeint war. Zwar konnte ist diesmal die gewünschte Auskunft noch geben, aber eine Minute später versenkte ich meine Uhr in der Lenkertasche.

Jetzt ist das bewährte Stück auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Dabei hatte ich das Rad schulmäßig „unter sozialer Kontrolle“ abgestellt, zwei Meter neben dem ersten Verkaufsstand. Die beiden jungen Frauen, die dort fürs Verkaufen zuständig sind, blicken jetzt derart demonstrativ teilnahmslos hinauf in die Baumkronen, dass ich sie erst gar nicht zu fragen brauche, ob sie etwas mitbekommen haben. Offenbar muss ich auf meiner Reise mit einem landestypischen Schwund rechnen, und daran habe ich mich jetzt gewöhnt.




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© copyright 2008  Joachim Gremm