Die KrimFeodosiaHinter Stary Krim enden die hohen Berge, und die Straße fällt allmählich in die Küstenebene auf Feodosia zu. Als ich die Stadt erreiche, fahre ich gerade aus durch zur Strandpromenade, die sich zweizeilig, vor und hinter einer Bahnlinie, dahin zieht. Zwei Mal starten Fernzüge vom benachbarten Bahnhof und verursachen einen Fußgängerstau. Eine unglaublich hohe, wuchtige Lokomotive zieht eine beträchtliche Zahl blauer Waggons, deren Anblick kein Vertrauen auf bequemes Reisen aufkommen lässt. Das Leben auf der Promenade vermittelt einen schlichteren, weniger bienenschwarmhaften Eindruck als in Sudak. Von einem Rundtempel über der Wasserlinie schaut man auf den nahmen Wald der Hafenkräne. In den Seitenstraßen herrscht unter Robinien angenehme Bummelatmosphäre. An der weißen Wand eines Insektenmuseums ist ein 2 ½ Meter hoher historischer Anker befestigt. Er hängt an einer schweren Kette, die um die Ecke biegt und ein wandhohes Schiffsrelief als Zaun einfasst. Es soll ein Motiv aus einem Grin-Märchen darstellen und dient den Urlaubern als Hintergrund fürs gegenseitige Fotografiertwerden. Besuchenswert und trotz des relativ hohen Eintrittspeises gut besucht ist die Städtische Galerie von Feodosia. Im Wesentlichen sind Ölgemälde von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowskij ausgestellt, der in seinem langen Malerleben auch diese Galerie gründete und bei seinem Tod im Jahr 1900 sie der Stadt vermachte, in der er geboren ist. Überwiegend sind es Seestücke: 3-Master im Sturm, Seeschlacht, Schiffsuntergang, 3-Master im Eisbruch und immer wieder Ansichten der Krim-Südküste. Gegen Ende seines Schaffens, 1898 mit 5 x 4 Metern das größte aller großen Formate, stößt er mit einer fast abstrakt wirkenden luziden Darstellung einer Gischt– und Wogenlandschaft das Fenster zur Moderne auf. Zahlreich sind die mythologischen Darstellungen. Können wir auch das Napoleonbild dazu zählen? Klitzeklein steht der Entmachtete in typischer Feldherrenpose auf einem hohen Felsen St. Helenas, übers Meer, wer weiß wohin, ausblickend. Der untertauchende Sonnenball bestrahlt die Szenerie von hinten mit feurigen Lichtfluten. Endzeitstimmung. In Feodosia-Nord muss ich die große Raffinerie passieren, deren weiße Kessel in der Sonne leuchten. Dann treffe ich wieder auf die Fernstraße Richtung Kertsch. Sie führt auf die kleine Halbinsel von Kertsch, die an der große Halbinsel Krim östlich anhängt und die vom Schwarzen Meer das Assowsche scheidet. Die ersten Kilometer begleiten noch die lang gestreckte Bucht mit ihrem schönen Sandstrand. Exakt bei Kilometer 119 (so steht es auf dem kleinen Schild) stelle ich mein Zelt nah an die Straße, unter ein Bäumchen, auf dem haarige Raupen herum krabbeln. Zum Bad im Meer habe ich von hier aus keine 30 Meter. Dass in der Nähe ein Rummelplatz nach Gästen schallt, wird mir schnell bewusst. Im Dorfpark von Geregonoe ist das kantige Kämpferdenkmal in der Mitte ganz umgeben von Buden, Karussels, Spielhöllen und Lokalen, die – jedes für sich – einen Heidenlärm veranstalten. Das gehört sich hier für den Saisonbetrieb. In einer etwas stilleren Ecke bestelle ich zum ersten Mal auf der Tour einen Wodka. Die Kellnerin bringt eine halbe Karaffe voll dieses gefährlichen Destillats, dazu wird ein Tellerchen mit Tomatenstücken und Gurkenscheiben serviert. Obwohl ich einen Rest übrig ließ (vom Wodka), fand ich in einen tiefen Schlaf und kam morgens nur langsam auf die Beine. © copyright 2008 Joachim Gremm |