Die Krim



Am Faulen Meer



Gestern blies ein starker Wind, heute braust der Sturm. Da sich seine Richtung nicht geändert hat, fahre ich mit kräftigem Rückenschub. Über die Hochfläche beim AKW fliege ich nur so dahin. Die Spur zu halten wird dann schwierig, wenn es von der Seite heranpfeift. Am Kanal, wo ich bereits gestern entlang fuhr, halte ich mich noch ein weiteres Stück am Wasser, bis zur nächsten Brücke. An mehrere Stellen wird es in Kessel und Fässer gepumpt. Wieder Krähenschwärme und Starenschwärme. Ein Wiedehopf flattert durch die Luftwirbel. Als ich in einen Brunnen schaue, schießt ein Eisvogel hervor.

Die Küste erreichte ich in Kamenskoje. Obwohl sich hier breite Sandstrände schier endlos vor der niedrigen Steilküste strecken, steckt der Tourismus noch in den Kinderschuhen. Der luftig gebaute Ort verbreitet mit seinen vier kleinen Läden und einem Imbiss solchen bodenständigen Charme, dass ich mich für zwei Tage am Strand niederlasse. Mehrere Gruppen einheimischer Touristen haben dort ihre Auto–Wagenburgen und ihre im Wind flatterten Zeltensembles aufgestellt.

Den Sonntagsausflug unternehme ich auf die Arabaskij Strelka, die schmale, 130 Kilometer lange Landbrücke, die das Assowsche Meer von der Schivas trennt, dem Faulen Meer. Bis ich Soljanoe erreiche, das äußerste und letzte Dorf auf dem Landstrich, verteile sich am Strand die Zelte. Immer, wo eine Zufahrt die Künstenschwelle hinab führt, haben sich kleine Campingweiler angesiedelt, deren Windschutzkonstruktionen im Sturm flattern.

Wo das Gelände sich verengt, ist ein militärischer Erdwall angelegt, auf dem in regelmäßigem Abstand Kleinbunker sitzen. Davor ein Graben und ein kleinerer Wall. Neben der Straße erstreckt sich ein zitadellenartiges Festungswerk aus Stein- und Ziegelmauern, das aus vormoderner Zeit stammt. Die Wehranlage sperrt den Zugang über die Landenge und muss zuletzt im Zweiten Weltkrieg genutzt worden sein.

Hinter Soljanoe verwandelt sich die Route in eine Sandpiste mit mehreren Spuren, die sich getrennt voneinander ihren Weg suchen und unterschiedlich gut zu fahren sind.  Zur See hin ist aus feinen Muscheln ein Wall aufgespült. Am Strand liegen regelmäßig verteilt angespülte Plastikflaschen. Autos und Zelte stehen jetzt nur noch vereinzelt und heben sich als deutliche Kontur über den Horizont.

Zum Faulen Meer hin ist der Boden flach, von Binsengras und niedrigen Salzpflanzen bewachsen und geht ohne festes Ufer in den Salzsee über. Wo feingliedrige Steinbrechgewächse einen weinroten Teppich bilden, ist der Untergrund schon ungewiss. Wo helle, kreisrunde Flächen einen dünnen Bewuchs zeigen, sinkt man ein. Vorn, zur Wasserfläche hin, parkt ein Motorrad mit Beiwagen. Drei Männer sind, bis zu den Knien im Wasser stehend, beim Fischen. Hinter ihnen zeichnen sich auf glänzendem Wasserspiegel Pfahlreihen und andere Muster ab. Das wirkt malerisch und hat den Anschein, als ob das Faule Meer ein Fischteich sei.

Zurück radle ich auf eine dunkle Wolke zu, deren Regendrohung jedoch Fehlalarm bedeutet. Denn gegen Abend lockert sie sich zu Wölkchen auf, die als mattweiße Watteknäuel im Abendhimmel schwimmen. Im Westen, wo sich der Horizont schon rosa färbt, tragen sie feuerzackige Ränder, fast wie Blitze. Zum Abschluss des Wochenendes sind die Zelte am Strand weniger geworden. Vermehrt hat sich dagegen die Zahl weggeworfener Flaschen und anderer Abfall. Die Kühe, die tagsüber oben auf den Wiesen grasten, sind herunter gestiegen und plündern die überquellenden Müllcontainer.

Ein Stück weiter, wo eine Baugrube ausgehoben ist, finden sich bereits einige moderne Ferienwohnungen. Dort haben sich Touristen aus Moskau eingemietet. Oberhalb steht eine blaue Holzbaracke mit grünen Läden, die eine bar beherbergt, d.h. ein Restaurant. Dort komme ich mit den Moskauern in Kontakt, Familien mit älteren Kindern, die sicher dem Mittelstand der russischen Hauptstadt zuzurechnen sind. Als es ans Fotografieren geht, holen sie eine samtene Traditionsfahne aus dem Gepäck: Hammer und Sichel, in Gold auf weinrotem Grund, und auf der Rückseite Lenin, den Begründer des Werktätigen–Tourismus.

Die Moskauer feiern den lustigen Abschluss ihres einwöchigen Urlaubs und ziehen mich zu ihrer Tafel. Zack – das Schnapsglas leeren und anschließend zu den Tellern greifen nach etwas Fettigem. Die Trinkgewohnheit ist für mich neu. Nachdem der Wirt, dem solche Gäste die Bilanz vergolden, die russische Nationalhymne aufgelegt hat und alle mitgesungen haben, verabschiede ich mich (ich muss auf meine Kondition achten). Die blonden Frauen recken die Faust nach oben und rufen rhythmisch: „Freundschaft, Freundschaft!".




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© copyright 2008  Joachim Gremm