Die KrimDeutsche DörferIn Kamenskoje, dem sympathischen kleinen Badeort am Assowschen Meer, beginnt für mich die Rückfahrt nach Simferopol. Ich halte mich Richtung Westen. Zunächst erreiche ich Lvovo, auf der Karte ein stattlicher Ort, in Wirklichkeit drei Häuschen mit einem kleinen Weiher voller Gänse. Die Straße, früher einmal asphaltiert, ist jetzt eine glatte Schotter-Sand-Piste und lässt das Rad flott rollen. Rechterhand erstrecken sich die Salzwiesen, vielfach grün schattiert, zum Faulen Meer hin. Dahinter liegt vorm Horizont als bräunlicher Strich die Arabatskaja-Landbrücke. Wegwarte, ein kleinblütiger Eisenhut und viele weitere Blüten schimmern blau, gelb und weiß. Später fahre ich auf der von Feodosia kommenden Fernstraße auf Kirowskoje zu. Die Straße folgt hier dem Kanal und wird von ausgedehnten Weinplantagen begleitet. Am Ortseingang wird der Radler von einem starren Kirow-Porträt empfangen – was für ein Revolutionär war der eigentlich? Das Städtchen siedelt entlang der Bahnlinie und zeigt nicht den Hauch einer städtischen Struktur. Von hier aus führt die Landstraße fast 20 Kilometer schnurgerade nach Südwest, von Baumreihen begleitet. Von den Stoppelfeldern steigen Rauchfahnen aus; sie werden nach der Ernte abgefackelt. Der Verkehr ist minimal, der weich gewordene Asphalt dünstet heißen Odem aus. Wo ich Fernstraße und Kanal kreuze, baden Kinder im gewiss lauwarmen Dnepr-Wasser. Privetnoe, das ich auf diesem Weg erreiche, hieß bis 1941 Heilbrunn, das benachbarte Solotoe Polje hieß Zürichtal. Die beiden Orte wurden Anfang des 19. Jahrhunderts von Einwanderern aus, wie die Namen das vermuten lassen, Südwest-Deutschland und der Schweiz gegründet. Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion wurden die Bewohner – wie alle Russlanddeutsche – nach Westsibierien deportiert und ihre Dörfer umbenannt. Es leben also seit langem hier keine deutschstämmigen Bewohner mehr. Dennoch müssten sich noch ihre Spuren finden lassen in einem Dörfchen wie Privetnoe, in dem sich in den letzten 100 Jahren – wenn man dem Augenschein vertraut – nicht allzu viel geändert hat. Meine Vermutung bestätigt sich. Mehrere Häuser haben hinter einem schmalen Vorgarten ihren Ziergiebel der Straße zugekehrt. Sie sind stattlicher als die einfachen, meist blau gestrichenen Häuschen, wie sie sonst für die Krimdörfer typisch sind. Die Hausecken sind mit kannelierten Flachsäulen hervorgehoben, die zwei, seltener drei Fenster werden von Zierleisten umrandet. Auf einer Seite ist das Dach flach verlängert und deckt den verglasten Anbau eines Wintergartens. Zur Straße hin lag, das stelle ich bei der Begehung eines Ruinenbaus fest, die „gute Stube“. Auf solche Art haben die Bewohner ihren Wohlstand und ihren gehobenen Status gegenüber ihren russischen Nachbarn architektonisch hervorgehoben. In Zürichtal, das sich in einem weiten Tal mit Steilhängen ausbreitet, steht sogar noch die evangelische Kirche, ein stattlicher Saalbau mit großen Rundbogenfenstern. Anfangs hatten die zunächst mausarmen „Kolonisten“, wie sie sich nannten, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Doch im Lauf der Jahre gelangten sie in mühseliger Arbeit mit Weizenanbau, Viehzucht, Obst- und Weinbau zu Wohlstand. Der Kirchenbau wurde vor einigen Jahren der orthodoxen Kirche übergeben, die ihn jetzt für ihre Gottesdienste nutzt. Heute zählt Solotoe Polje rund 3.500 Einwohner. Hauptarbeitgeber ist die ehemalige Sowchose, die weiterhin Wein- und Obstanbau betreibt. So gesehen arbeitet sie immer noch in der Tradition der deutschen Kolonisten. Die Wirtschaftsmisere hat auch vor ihr nicht Halt gemacht. Die Arbeitskräfte haben seit Jahren kein Geld ausgezahlt bekommen. Sie erhalten die selber hergestellten Produkte als Lohn – vorwiegend Wein und Schnaps – und müssen zusehen, diese auf dem Markt in Bargeld umsetzen. In Zürichtal sind die Vorberge erreicht. Zunächst verläuft die Straße ein Stück das weite Tal aufwärts. Dann führt ein Abzweig nach Westen und steigt den Hang hoch. Jetzt führt der Weg über die grasige Hochfläche. Die matten Konturen des Krimgebirges sind näher gerückt. Die Bergbäche, die von dort der Steppe zuströmen, haben das Plateau mit breit gelagerten Tälern durchzogen, deren Querung für den Radler eine willkommene Abwechslung bedeutet. Während Heilbrunn und Zürichtal im Flachen liegen, haben die drei weiteren deutsche Gründungsdörfer bei Belogorsk aus dem Jahr 1805 ihren Platz schon in den Ausläufern der Berge gefunden. „Die ersten Einwanderer hatten sich Gegenden ausgesucht, die ihrem heimatlichen Deutschland in etwa glichen“, vermutet David Wegum in seinen Lebenserinnerungen (siehe Hauptseite: „Damals auf der Krim“). Die erste Siedlung heißt heute Aromatnoe, was eine schöne, sinnfällige Übertragung des ursprünglichen Namens Rosental darstellt. Die Hauptstraße hinab, die Parallelstraße wieder hinauf – und schon habe ich den Ort durchmessen. Auch hier zeigt sich eine im Vergleich mit den einfachen blauen Giebelhäuschen, wie sie sonst das Dorfbild bestimmen, eine abweichende Architektur. Ähnlich wie in Heilbrunn, jedoch etwas schlichter, sind die Ecksäulen und der ihnen aufliegende Balken betont, der die breite Giebelfront überspannt. Hinter Rosental zieht die Straße nochmals steil nach oben bis zur Waldgrenze. Dort erreiche ich das ehemalige Friedenthal, heute ein heruntergekommenes, zugewuchertes Nest, das jetzt – wie zum Hohn – den Namen Kurortnoe trägt. Nur einen Kilometer Straße über einen Sattel mit Wiesenland und ich befinde mich in Krasnogorskoje, dem ehemaligen Neusatz. Hoch am Hang über einem tiefen Tal angesiedelt, muss auch hier am Anfang eine umfangreiche Rodungstätigkeit notwendig gewesen sein. Die Zäune im Ort wirken wirklich sehr vernachlässigt, was symptomatisch fürs Ganze ist. Auch hier finde ich mehrere Giebelfronten vom „Typ Rosental“, außerdem ein flaches „Amtshaus“ in klassizistischem Baustil. Am Ortsausgang treibt ein älteres Mädchen im Kleid und mit Handtasche eine kleine Kuhherde Richtung Stall. Hier steht über dem Ort ein jagdschlossähnliches Erholungsheim mit der Zahl 1945 am Giebel. Von hier aus geht es schottrig und sandig durch steile Kurven hinab ins Tal. Dort beginnt wieder der Asphalt, so dass ich mit Speed bis nach Suja sause. Von dort habe ich auf der Fernstraße nur noch 20 Kilometer bis ins Zentrum von Simferopol zurückzulegen. Die fünf von mir besuchten Dörfer – Zürichtal, Heilbrunn, Rosental, Friedenthal und Neusatz – sind die alten deutschen Krim-Kolonien, zusammen mit Kronental (Koltschugino) nahe der Westküste und der Weinbaukolonie von Sudak. Sämtlich waren sie 1805 von Auswanderern gegründet worden, die den weiten, mühsamen und gefahrvollen Weg aus Süddeutschland und der Schweiz überstanden hatten. Nach ärmlichen Anfangsjahren konsolidierten sie sich und bildeten die Ausgangsorte zur Gründung von zahlreichen Tochterkolonien. Bis 1941 waren die Deutschen auf der Krim eine von ihren Nachbarn – Tataren wie Russen – geschätzte Minderheit. © copyright 2008 Joachim Gremm |