Die Krim



Chersonnes



Auf dem Weg zu den Ruinen von Chersonnes kehre ich auf einen Markt mit Budengassen ein, wie es hier viele gibt. Dort stärke ich mich mit einer Art Hot Dog, belegt mit einer Wurst und viel Majonäse. Immer wieder komme ich an Amtsgebäuden mit russischer Flagge vorbei. Chersonnes ist von einem Halbkreis russischer Kasernen eingeschlossen. In der kleinen Bucht ducken sich, grau und gefährlich wirkend, russische Kriegsschiffe. Das Flottenabkommen zwischen beiden Staaten gewährleistet nicht nur die militärische Präsenz Moskaus, auch das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben in der Stadt ist russisch dominiert.

Die starke russische Präsenz in Sevastopol und insgesamt der hohe Anteil von Staatsbürgern mit russischer Muttersprache (ca. 30 %) spaltet die Ukraine. Diese Spannung kommt auch in den Wahlergebnissen zum Ausdruck: Auf der Krim und im Osten des Landes werden überwiegend moskauorientierte Parteien gewählt, sonst westlich orientierte. Offiziell bestimmt die Verfassung ausschließlich Ukrainisch als Landessprache, doch im Parlament, den Medien, der Presse und im übrigen öffentlichen Leben herrscht absolute Zweisprachigkeit. Selbst die Milchpackungen sind in Russisch und Ukrainisch bedruckt.

Ukrainisch gilt als eine schöne Sprache. Die Ukrainer selbst nennen ihr Idiom „Melodische Sprache". Für russische Ohren klingt sie (vielleicht aus diesem Grund) wie eine „Kindersprache". So erklärte es mir Tatjana, ein Berliner Germanistik-Studentin, die aus Moskau stammt. Sicher drückt sich in dieser Einschätzung das Bewusstsein kultureller Überlegenheit aus, das eine „große" Sprache – groß, was ihr staatliches und kulturelles Fundament und ihre Verbreitung betrifft – ihren Sprechern vermittelt. Wir Deutsche sind, im Hinblick auf einige unserer kleineren Nachbarstaaten, keineswegs frei davon. Ein Schweizer, der seit zwei Jahren in Kiew lebt, vergleicht in seinem Blog das Verhältnis des Ukrainischen zum Russischen mit dem des Schwyzerdütsch zum Hochdeutschen, was meine Vermutung bestätigt.

Die Halbinsel von Chersonnes ist ein weitläufiges Ruinengebiet, das sich über zwei Hügel erstreckt und im Osten von der kleinen Bucht begrenzt wird, die die Griechen vor zweieinhalb Jahrtausenden als idealen Ankerplatz entdeckten. Zum Festland hin ist eine Stadtmauer von bedeutender Größe erhalten. 2000 Jahre lang war die Stadt besiedelt, erst im Mongolensturm wurde sie von den Tataren zerstört. So stolpert der Besucher auf jedem Quadratmeter über historische Baureste. Wenn überhaupt, sind Grundmauern freigelegt. In Meeresnähe hat man auf dem Fundament einer mittelalterlichen Basilika – wohl zum Zweck antiker Anmutung – einige Säulen aufgestellt. Dort findet der Touristenstrom, der sich ansonsten weiträumig verteilt, ein anschauliches Ziel.

Die unbeschädigten Gebäude sind neueren Datums: Auf dem höchsten Punkt steht die Vladimir-Kathedrale. Vladimir ist ein beliebter slawischer Männername, auch Putin heißt so. Doch nicht ihm ist die Kirche geweiht, sondern Vladimir dem Heiligen, dem „Apostelgleichen". Auf den ukrainischen 1-Griwna-Banknoten ist er abgebildet. Vor über 1000 Jahren hatte er anlässlich seiner Vermählung mit einer griechisch-byzantinischen Prinzessin das Christentum angenommen.

Die Christianisierung Russlands ging von Chersonnes aus. In einem Museum werden in zwei Räumen diverse Funde gezeigt, die sich locker über die Jahrhunderte verteilen. Ebenso locker verteilen sich auf dem ehemaligen Stadtgebiet zahlreiche Sommerhäuschen. Diese Schwarzbauten gefährden die archäologische Substanz ebenso einschneidend wie die Grabräuber-Mafia, die das Gebiet systematisch ausplündert und die Funde an Hobbysammler im Ausland verscherbelt.

Später wurde es für mich schwierig, aus Sevastopol hinaus zu finden. Die Stadt hat sich über mehrere Hügel weiter und weiter ausgebreitet und ist dort sehr unübersichtlich. Mit Hilfe des Kompasses fand ich dann zu einer Kreuzung mit Wegweiser. Dort bog ich Richtung Kap Fiolent ab.




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© copyright 2008  Joachim Gremm