Die KrimBachtschisaraiAuf der Fernstraße Sevastopol – Simferopol, die hier schon zwischen milderen Hügeln verläuft, erreiche ich Bachtschisarai, die historische Hauptstadt der Krimtataren – „Bachtschi–Sarai“, das ist der Palast im Garten (vgl. Serail). Zum Palast radle ich vom Bahnhof zwei Kilometer durch ein mildes Seitental, das von weich geformten Felskissen eingefasst ist. Das Bächlein fließt verdreckt. Der Talgrund ist mit ungepflegten Grünanlagen, einem Stadion und flachen Häuschen mit Gärten ausgefüllt. Dazwischen steht eine Ein-Minarett-Moschee. Die Gartenlandschaft, die sich früher, zur Zeit der Tatarenherrschaft, hier ausbreitete, lässt sich also nur noch eingeschränkt erahnen. Das tatarische Krimkhanat müssen wir uns als ein ausgedehntes Herrschaftsgebiet vorstellen, das neben der Krim auch die südliche Ukraine und die Kuban-Region im Nordkaukasus umfasste. Der Khan, der seit 1450 in Bachtschisarai residierte, musste die osmanische Oberherrschaft anerkennen, obgleich er innen- wie außenpolitisch weitgehende Freiheiten besaß. Dieser Zustand bestand 300 Jahre lang. Nachdem Russland die Gebiete am Schwarzen Meer erobert hatte, wurde die Krim für einige Jahre zum russischen Protektorat. 1783 setzte Zarin Katharina II. den Khan endgültig ab und annektierte die Krim. Am Palast der Khane findet der touristische Großauftrieb statt. Entlang der Straße und vor dem Eingang drängen sich die Buden und die Besucher. Im Innenhof, der rückwärts in einen kleinen Park übergeht, liegen links die Moschee, der Friedhof und eine Flucht zweigeschossiger Gebäude. Zur Rechten steht der eigentliche Palast, ebenfalls flach und breit gelagert. Dort tritt der Besucher zur Führung ein; er kann sich aber auch auf eigene Faust bewegen. 1736, als russische und österreichische Truppen die Stadt einnahmen, ging das meiste in Flammen auf, so dass der heutige Bauzustand vor allem auf das 18. Jahrhundert zurück reicht. Der Diwan, ein Sommersaal mit großen, farbigen Fenstern, eine „Privat-Moschee“ und der vorwiegend aus Holz errichtete Harem sind es, durch die der Besucher geführt wird. Wie auch im Museum (im 1. Stock gelegen) mussten die meisten Ausstellungsstücke mühsam zusammengesucht werden. Viele Exponate aus Bachtschisarai befinden sich in den Museen von Moskau und St. Petersburg. Und rund 1200 Stücke haben die deutschen Besatzer im zweiten Weltkrieg entwendet. Obwohl man sich heute viel Mühe mit der stilgerechten Restauration gibt, erweckt das Ganze einen sehr fragmentarischen Eindruck, der besonders im Außenbereich bewusst wird. Grobes Plattenpflaster in den Höfen und die Gärten weitgehend verwahrlost. In einem Geviert wurde mit vielen frisch gepflanzten Rosenstöcken und einigen Reihen Sonnenblumen ein etwas unbeholfener Neuanfang gemacht. Weitgehend erhalten blieben die zahlreichen Brunnen, die noch meist trocken liegen. So auch der berühmte „Tränenbrunnen“, neben dem eine Puschkin-Büste aufgestellt wurde. Auch im weitläufigen Innenhof befindet sich ein von einem bunten Blütenkreis umrahmter runder Brunnen. Dort lassen sich (überwiegend) die Besucherinnen fotografieren, nachdem sie sich in ein „krimtatarisches“, jedenfalls orientalisch anmutendes Kostüm gezwängt haben. Auf der Hinterseite schauen noch die Jeans und das T-Shirt hervor. An der Budenreihe vor dem Palast sah ich jetzt mehrere betagte Herrschaften ihre Schrittchen tun, auch etwas kaufen oder nicht, die sich auf Englisch oder Deutsch zu verständigen suchten und wie aus einer fernen Welt kamen. In Jalta hatte ein Kreuzfahrschiff angelegt. Mit zwei riesigen Komfortbussen voller Sterne wurden die Wohlstandswestler nun zum Landgang ins Landesinnere kutschiert. Während die Ausflügler mühsam einsteigen, verursachen ihre beiden monumentalen Fahrzeuge einen gewaltigen Verkehrsstau. Eine gänzlich andere Reisegruppe, die allerdings ebenso aufwendig beförderte wurde, besuchte die Krim 1787. Aus Anlass ihres 25-jährigen Thronjubiläums bereiste Katharina II. mit großem Gefolge, zu dem auch Diplomaten und selbst der polnische König und der römisch-deutsche Kaiser geladen waren, die jüngst eroberten südlichen Gebiete. In Bachtschisarai traf die Reisegesellschaft am 20. Mai ein, so berichtet die damals neben dem Eingang zum Hof aufgestellte Gedenksäule. Die Zarin verbrachte 3 Tage in dem prächtig hergerichteten Palast, bevor alle nach Sevastopol weiterreisten. Solche außergewöhnlichen „volksnahen“ Ereignisse zeitigen meist ihre Anekdoten. In unserem Fall entstand sogar eine weltberühmte Metapher: die Potemkinschen Dörfer. Grigori Alexandrowitsch Potёmkin, dessen Namen sich wegen des doppelt getüttelten ё [jo] russisch „potjomkin“ ausspricht, war der Generalgouverneur „Neurusslands“ und damit unmittelbar verantwortlich dafür, dass die Reisegesellschaft ihre mit vielen Unannehmlichkeiten verbundene Fahrt in möglichst angenehmen Umständen bewältigen konnte. Auch heute werden der Marktplatz, das Rathaus, das ganze Städtchen herausgeputzt, sollte sich der Bundespräsident oder die Kanzlerin zum Staatsbesuch ankündigen. Dass er den Besuchern aber mit Dorfattrappen im Ödland besiedelte Gebiete vorgegaukelt haben soll, Potemkinsche Dörfer eben, darf als üble Nachrede gelten, die seine Gegner verbreiteten. Aber die Legende ist gut erzählt, und sie hat sich daher im Bewusstsein der Nachgeborenen festgesetzt. Potёmkins erwiesene Leistungen als Verwaltungsfachmann und Militärreformer, der sich auch um die Entwicklung der Krim verdient gemacht hat, liegen dem gegenüber in der Erinnerung der Nachwelt im Schatten. Mein Rad schiebe ich an der Gedenksäule – eigentlich ein Meilenstein – und an den beiden Luxusbussen vorbei und radle zurück zum Bahnhof. In einem modernen Café kehre ich ein und komme auf der Veranda am Tisch mit einer Berliner Lehrerin zu sitzen. Sie ist allein mit dem Rucksack unterwegs und bewegt sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Russisch kann sie nicht, sie kann nicht mal die kyrillische Schrift lesen. Es scheint also auch so zu gehen! Allerdings bekommt sie so nur die Städte mit und zahlt manchmal (für ukrainische Maßstäbe) horrende Übernachtungspreise. Auf dem Markt nebenan steht eine düstere Halle mit einer Fisch– und, durch eine Wand getrennt, einer Fleischabteilung. Ganz ohne Kühlung liegen die Leichenteile in der Wärme des Hochsommers auf den Tischen. Der Geruch ist entsprechend und lockt die Fliegen. Draußen im Freien kaufe ich mir ein luftiges Sommerhütchen, nachdem das alte dem Schwund auf der Reise anheim gefallen ist. © copyright 2008 Joachim Gremm |