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  Aus unserer Mitte gerissen  

Karl Schöttler war der Radreise–Pionier in Ratingen

von Joachim Gremm (Rad–Magazin 2003)

Karl Schöttler

In Gedanken schlendere ich über den Marktplatz und plötzlich kommt mir die Vorstellung in den Sinn, „der Karl biegt bestimmt gleich um die Ecke" – sein Rad schiebend und am Lenker pendelt auf jeder Seite eine Einkaufstüte. Mir geschieht dies noch heute, wo Karl Schöttler schon fast ein Jahr tot ist. Man ahnt, wie sehr er aus unserer Mitte gerissen wurde, denn Radelfreunde haben mir bestätigt, dass es ihnen genauso ergeht.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Karl Schöttler war der Pionier in Ratingen, der seit Beginn der Fahrrad–Renaissance Mitte der 80–er Jahre unglaublich engagiert dazu beigetragen hat, den Menschen Nutzen und Spaß des Radfahrens zu erschließen. Er organisierte als erster Radreisen. Er war bei der Gründung der ADFC–Ortsgruppe im Vorstand dabei, natürlich als Tourenwart. Und als er seine ungebremsten radtouristischen Ambitionen innerhalb des ADFC nicht realisieren konnte, gründete er die „Radelnden Dumeklemmer" und führte sie durch „dick und dünn", zuletzt als Abteilung im ASC West.

Weder von Statur noch vom Naturell entsprach Karl Schöttler dem Typ des trainierten Tempofahrers. Dazu war er als Koch zu leidenschaftlich und als Mensch zu philosophisch. Zahlreiche Touren mit Kindern und Jugendlichen – bevorzugt zu den Dülmener Wildpferden – zeugen von seinem Streben nach Nachhaltigkeit. Ebenso sein Engagement als Sprachlehrer für Kinder von Asylsuchenden.

„Auf dem Drahtesel durchs Angerland", leitete eine Lokalzeitung den Bericht über die erste Tour unseres Vereins im Juni 1989 ein. Es regnete und die 12 Radler (darunter 2 Frauen) waren froh, als sie sich auf dem Rückweg von Kaiserswerth auf den Holzbänken der Bretterloggia von Schmitz' Wiese trocknen konnten. Weiter hieß es: „Die Route hatte der erfahrene Radwanderer Karl Schöttler abgesteckt, der mit seinem Stahlroß schon mehr als 10.000 Kilometer zurückgelegt hat."

Die genannte Kilometerleistung nötigte in der Anfangszeit des wiederentdeckten Radtourismus Respekt ab. Zumal aus der heutigen 27-Gang-Perspektive die damaligen Räder mit einem gewissen Recht als „Drahtesel" und „Stahlrösser" gelten können. Wieviel weitere zehntausend Kilometer zu Karl Schöttlers ersten noch hinzugekommen sein mögen, ist von der Zahl her unerheblich. Ins Gewicht fallen vielmehr die Freude am Dahingleiten aus eigener Kraft, das Gemeinschaftserlebnis der Gruppenfahrten, das Übernachten im „Heu-Hotel", das hautnahe Empfinden von Landschaft, Luft und Wetter.

Zum letzten Mal begegnete ich Karl Schöttler an der Ecke Kirchgasse/Marktplatz. Sein Rad schiebend war er auf dem Weg zum Stammcafé, am Lenker pendelte auf jeder Seite eine Einkaufstüte. Er berichtete knapp von gesundheitlichen Problemen und kam schnell auf seine nächste große Fahrt zu sprechen, die Donautour von Passau nach Wien, die er diesmal nicht mehr erleben sollte. Dies war sein persönlicher Klassiker, den er als Tourenleiter und –organisator x–mal geradelt ist.

Karl Schöttler verstarb im April 2002. Wer auf einer der von ihm geführten Touren – sei es eine Donaureise, sei es eine Fahrt durchs Angerland – dabei war, wird sich immer mal mit Sympathie an ihn erinnern.

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